Neues vom Fachanwaltskonzept des DAV
(Deutscher Anwalt Verein e.V.)


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Im Verlauf des letzten Jahres hat eine vielfach kontrovers geführte Diskussion über die Einführung weiterer Fachanwaltschaften zwischen den Kollegen zu verschiedensten Auffassung geführt. Zur Einführung sei erwähnt, daß bisherige Fachanwaltschaften sich auf die Gebiete des Arbeitsrechts, des Verwaltungsrechts, des Sozialgerichts, des Steuerrechts, des Familienrechts, des Strafrechts und des Insolvenzrechts erstreckten. Die konkreten Vorschläge zur Errichtung weiterer Fachanwaltschaften belaufen sich auf die Gebiete des Baurechts, des Finanzdienstleistungsrechts, des Immobilien- und Mietrechts, des Medizinrechts, des Transportrechts, des Verkehrsrechts sowie auf andere Fach- und Sachgebiete.

Grundsätzlich stellt sich jedoch die Frage nach der Notwendigkeit der Fachanwaltschaften überhaupt und der Errichtung weiterer Fachanwaltschaften.

Im einzelnen soll nur ein grob umrissener Überblick über die verschiedensten Meinungen hierzu gegeben werden. Die Befürworter der Fachanwaltschaften und derer Ausweitung stehen auf dem Standpunkt, daß durch die in Folge der erheblichen Zunahme der Zahl zugelassener Rechtsanwälte und die dadurch bedingte unübersehbare deutliche Veränderung des anwaltschaftlichen Berufsbildes und Selbstverständnisses eine zunehmende Spezialisierung der Anwaltschaft nötig ist.

Dies macht es nach dieser Auffassung notwendig, aufgrund der Marktorientierung und der Publikumsnachfrage, mit geprüften Spezialisten zu reagieren. Denn es dürfte in Zukunft keine Diskrepanz zwischen der Nachfrage und dem anwaltlichen Angebot an Spezialisierung vorhanden sein. Darüber hinaus seien die bereits bestehenden Fachanwaltschaften aus dem Blickwinkel des Vertrauensschutzes beizubehalten. Für die Einführung neuer Fachanwaltschaften spreche das Bedürfnis des Marktes, nämlich eng zugeschnittene und geprüfte Spezialisten zur Verfügung zu haben, um den Bestand und die Ausweitung anwaltlicher Dienstleistung zu garantieren.

Es erscheint allerdings absolut notwendig, für den Fall der Spezialisierung unter dem Titel Fachanwalt bzw. Fachanwältin ein Fach- bzw. Sachgebiet auszusuchen, welches deutlich von anderen Gebieten abgegrenzt werden kann und eine gewisse Tiefe an rechtlichen sowie tatsächlichen Besonderheiten als Spezialgebiet aufweist.

Ein weiterer Aspekt für die Einrichtung neuer Fachanwaltschaften ist die bereits bestehende oder drohende Beratungskompetenz durch andere Berufs- oder Unternehmensgruppen. Daher soll die Ausweitung der Fachanwaltschaften der Sicherung der wirtschaftlichen Existenz der Anwaltschaft dienen. Denn durch das Mittel der Fachanwaltschaft wird es dem Anwalt leichter gemacht, die bestehende Konkurrenz zu anderen Beratern im Vorfeld für sich zu entscheiden, da der jeweilig Betroffene verdeutlicht bekommt, daß auch die Anwaltschaft in diesem Bereich über qualifizierte Berater verfügt.

Voraussetzung hierfür ist es allerdings, daß der Erwerb für den Titel des Fachanwalts bzw. der Fachanwältin über einen hohen qualitativen Standard verfügt, damit die besondere Qualifizierung für das Publikum überhaupt ersichtlich wird.

Die Kritiker der Einrichtung weiterer Fachanwaltschaften nun vertreten zum Teil die Auffassung, daß ein Bürger/Bürgerin, welcher die Bearbeitung eines Rechtsproblems in die Hände eines Anwalts übertragen haben möchte, sich durch das Vorhandensein einer Fachanwaltschaft eher zu dem jeweiligen Anwalt hingezogen fühlt. Daher wird der Nutzen für die Anwaltschaft insgesamt als nicht entscheidungserheblich angesehen. Zwar kann man durchaus bei den schon bestehenden Fachanwaltschaften, wie solche des Familien- bzw. Verwaltungsrechts, durchaus dafür Gründe finden, weswegen gerade diese Fachanwaltschaften eingerichtet worden sind. Gründe aber nun sind für die Einrichtung weiterer Fachanwaltschaften nicht mehr erkennbar. Denn zum einen wird die Erweiterung aus rechtlichen wie tatsächlichen Gründen kompliziert, denn es ist nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien neue Fachanwaltschaften einzustufen sind. Hierzu gehören die problematischen Fragen, ob es beispielsweise Fachanwaltschaften für privates wie für das öffentlich Baurecht geben soll und ob die Einrichtung einer neuen Fachanwaltschaft nur dann zulässig sein soll, wenn das jeweilige Fachgebiet eine gewisse Größe für sich in Anspruch nimmt.

Ein weiterer Kritikpunkt für die Erweiterung stellt den Nutzen dieser neuen Fachanwaltschaften für das rechtssuchende Publikum dar. Denn welcher rechtssuchende Bürger/Bürgerin kann als juristischer Laie die genauen Fachanwaltsbezeichnungen den jeweiligen Rechtsgebieten detailliert zuordnen. Ist es nicht vielmehr so, daß der jeweilige Rechtssuchende zum Teil völlig unterschiedliche Vorstellungen von den jeweils betroffenen Rechtsgebieten hat?

Damit die Erweiterung der Fachanwaltschaften für das rechtssuchende Publikum überhaupt wirklich akzeptiert werden könnte, wäre es vonnöten, daß zunächst die jeweiligen Gebiete der Fachanwaltschaften am Markt mit einem relativ großen publizistischen Aufwand etabliert werden müßten. Solange dies nicht der Fall ist, wird die Großzahl der Rechtssuchenden mit den jeweiligen Begriffen wohl nichts anzufangen wissen.

Welcher juristische Laie weiß zum Beispiel, welche Kernbereiche die Tätigkeit eines möglichen Fachanwalts für Verkehrsrecht umfaßt?

In diesem Zusammenhang gilt es auch, das Bild des traditionellen sogenannten Allgemeinanwalts zu beleuchten. Denn der Bürger sieht in seinem Anwalt grundsätzlich den Berater in allen Rechtsangelegenheiten, so daß er seinen Anwalt jeweils dann in Anspruch nimmt, wenn er ein rechtliches Problem hat, egal aus welchem Rechtsgebiet dieses jeweilige Problem stammt. Denn nach wie vor ist die Tätigkeit eines Anwalts eine Vertrauensangelegenheit, welche sehr an die Person des jeweiligen Anwalts angeknüpft ist.

Auch scheint es recht interessant zu sein, wenn man die Anwaltschaft mit anderen Freiberuflern vergleicht. Denn es gibt doch ein wenig zu denken, wenn man feststellt, daß weder Steuerberater noch Wirtschaftsprüfer, obwohl beide in ihrem jeweiligen Gebiet über hohe Spezialisierung verfügen, derartige Fachrichtungen gegründet haben. Auch erscheint es verwunderlich, daß die Anwaltschaft im europäischen wie außereuropäischen Ausland ohne Fachanwaltsbezeichnungen auskommen kann. Ist es nicht eine deutsche Unsitte, alle Gebiete des Lebens - daher auch die Berufsausübung - im Detail reglementieren zu wollen? Sind solche Fachanwaltseinrichtungen und Erweiterungen nicht hinfällig, wenn der Wettbewerb die Auslese selber vornimmt?

Eine zu starke Spezialisierung kann daher auch dann gefährlich werden, wenn der sogenannte Spezialist beispielsweise den Überblick über das übrige Rechtsgebiet verliert und zudem befürchtet werden kann, daß Rechtssuchende eben aufgrund dieser Spezialisierung abgehalten werden könnten, zu diesen Anwälten zu gehen. Beim Rechtssuchenden könnte der Eindruck entstehen, der Anwalt sei ausschließlich auf diesem Spezialrechtsgebiet tätig.

In der Ärzteschaft wurde uns bereits vorgeführt, daß eine etwaige zu starke Spezialisierung den Ruf nach dem früheren allgemein gut ausgebildeten Praktiker immer lauter werden ließ.

Vielleicht hat Ihnen dieser kurze Aufsatz dahingehend Anregung verschafft, uns eventuell Ihre Meinung mitzuteilen. Wir würden uns über eine Stellungnahme sehr freuen.

gez. Reök

Düsseldorf, im Januar 2000
 

 

   

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